Das Alpbachtal:
Wo regionale Produkte zu kulinarischen Geschichten werden
Zwischen Bergwiesen, Bauernhöfen und traditionellen Handwerksbetrieben zeigt das Alpbachtal, wie eng Landwirtschaft, Kulinarik und Tourismus miteinander verbunden sein können. Wer hier unterwegs ist, entdeckt nicht nur eine beeindruckende Berglandschaft, sondern auch die Menschen, die für den Geschmack der Region stehen.
Das Alpbachtal in Tirol ist auf den ersten Blick vor allem eines: eine alpine Bilderbuchlandschaft. Grüne Wiesen ziehen sich zwischen bewaldeten Hängen hinauf, traditionelle Holzhäuser prägen die Orte und über allem erheben sich die Berge. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt eine zweite Seite der Region – eine, die sich nicht unbedingt auf den ersten Blick erschließt: das Alpbachtal als Genussregion.
Hier geht es nicht nur darum, was auf dem Teller liegt, sondern auch um die Frage, woher die Zutaten kommen und wer sie produziert. Genau diese Verbindung zwischen Landwirtschaft und Kulinarik steht im Mittelpunkt der Qualitätsinitiative Alpbachtal Q und des Formats „Alpbachtal Qriginals“.
Die Menschen hinter dem Geschmack
Bei den „Alpbachtal Qriginals“ werden regionale Produzenten nicht als anonyme Lieferanten betrachtet. Sie werden zu Gastgebern, erzählen von ihrer Arbeit und nehmen gemeinsam mit Gästen und Köchen an einer Tafel Platz.
Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Wer einen Käse, einen Speck oder einen Edelbrand probiert, soll auch den Menschen kennenlernen können, der dahintersteht. Bei einer Genussreise führte dieser Ansatz unter anderem in die Heumilchkäserei, zum Holzingerhof, in den Hildegard-von-Bingen-Garten und zum Pinzgerhof.
Damit wird aus einem Lebensmittel mehr als ein Produkt. Ein Stück Käse erzählt plötzlich von den Bauern, die ihre Milch liefern. Ein Stück Speck verweist auf einen Familienbetrieb in den Bergen. Ein Glas Edelbrand wird zum Ergebnis jahrelanger Erfahrung.
Heumilchkäse aus kleinen bäuerlichen Betrieben
Eine zentrale Rolle spielt die Alpbachtaler Heumilchkäserei in Reith. Die Milch stammt von kleineren Bauernhöfen aus der Umgebung. Die Kühe bekommen im Sommer frisches Gras und Kräuter, im Winter Heu – Silage gehört nicht zur traditionellen Heumilchwirtschaft.
Für die Käserei bedeutet diese Zusammenarbeit zugleich eine Verbindung zwischen Landwirtschaft und Tourismus. Besucher können den Betrieb kennenlernen und die daraus entstehenden Produkte direkt vor Ort kaufen.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Käserei weiterentwickelt. Aus dem traditionellen Handwerk ist ein vielseitiger Betrieb entstanden, der neben Bergkäse auch andere Käsesorten und saisonale Produkte herstellt. Gerade der gereifte Bergkäse steht dabei für eine Philosophie, die im Alpbachtal immer wieder auftaucht: Qualität braucht Zeit.
Vom Schwein zum Speck: Handwerk am Holzingerhof
Wie konsequent regionale Produktion funktionieren kann, zeigt auch der Holzingerhof der Familie Moser. Auf rund 1.150 Metern Seehöhe wird die Schweinehaltung mit der Verarbeitung und Direktvermarktung verbunden. Die Tiere werden am Hof gehalten und dort auch geschlachtet und verarbeitet. Speck und Würste entstehen somit nicht irgendwo in einer anonymen Produktionskette, sondern direkt auf dem Familienbetrieb.
Besonders charakteristisch ist die traditionelle Räucherung. Das Fleisch wird über Buchenholz kaltgeräuchert und erhält dadurch seinen typischen Geschmack.
Für Besucher ist ein solcher Hofbesuch vor allem deshalb interessant, weil er einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht. Landwirtschaft wird nicht als romantische Kulisse präsentiert, sondern als tägliche Arbeit, die Erfahrung, Verantwortung und wirtschaftliches Denken verlangt.
Genau diese Ehrlichkeit macht den kulinarischen Ansatz des Alpbachtals interessant: Regionalität bedeutet hier nicht nur, ein Produkt mit einem Tiroler Etikett zu versehen. Es geht darum, nachvollziehbar zu machen, wer es produziert und wie es entsteht.
Kräuterwissen mit Geschichte
Eine weitere Facette der regionalen Genusskultur findet sich im Hildegard-von-Bingen-Garten in Reith. Dort wachsen zahlreiche Kräuter und Heilpflanzen, deren Verwendung auf historische Traditionen zurückgeht. Besucher können bei Führungen mehr über Pflanzen, ihre Eigenschaften und ihre Bedeutung erfahren.
Der Garten ergänzt damit die kulinarische Reise um eine andere Perspektive. Regionale Küche besteht schließlich nicht nur aus Käse, Speck und Fleisch. Auch Kräuter, Blüten und Pflanzen gehören zur kulinarischen Identität einer Landschaft.
Edle Tropfen vom Pinzgerhof
Am Pinzgerhof wird aus regionalem Obst flüssige Handwerkskunst. Günther Kammerlander widmet sich der Herstellung von Edelbränden und Likören und verarbeitet dafür unter anderem Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Beeren und Kräuter.
Der Weg vom Obst zum Edelbrand ist dabei deutlich aufwendiger, als es das fertige Glas vermuten lässt. Das Obst wird vorbereitet und vergoren, anschließend destilliert. Nur ein bestimmter Teil des Destillats eignet sich schließlich für den fertigen Brand.
Das Ergebnis ist eine große Bandbreite an Sorten – von klassischen Obstbränden bis hin zu ungewöhnlicheren Kreationen. Auch hier zeigt sich ein Grundprinzip der Region: Nicht möglichst viel, sondern möglichst charaktervoll soll produziert werden.
Wenn ein Sternekoch die Region auf den Teller bringt
Den kulinarischen Höhepunkt der „Alpbachtal Qriginals“ bildete ein Abend am Oberhaslachhof in Reith. Dort trafen regionale Produzenten auf Gäste und Medienvertreter, während Sternekoch Christian Winkler aus den heimischen Zutaten ein mehrgängiges Menü entwickelte.
Forelle, Bauernhendl, Kräuter, Bauerntopfen, Holunder und Ribisel wurden dabei nicht als exotische Luxusprodukte inszeniert. Vielmehr ging es darum, zu zeigen, welches Potenzial in den Zutaten der unmittelbaren Umgebung steckt.
Winkler fungierte gewissermaßen als Übersetzer zwischen Landwirtschaft und moderner Küche. Aus Produkten, die auf den Höfen der Region entstehen, wurde eine zeitgemäße alpine Küche. Dabei spielte auch die Saison eine wichtige Rolle.
Interessant ist dabei, dass die Produzenten selbst Teil des Abends waren. Sie saßen mit an der langen Tafel, beantworteten Fragen und erzählten von ihrem Alltag. Damit wurde das Essen zum Ausgangspunkt für Gespräche über Landwirtschaft, Herkunft und Handwerk.
Regionalität endet nicht an der Grenze des Tals
Zum Konzept gehörte auch Wein. Beim kulinarischen Abend wurden die Gerichte unter anderem von biodynamisch erzeugten Weinen des niederösterreichischen Weinguts Vitikultur Moser begleitet. Obwohl Weinbau im Alpbachtal selbst keine Rolle spielt, passt der Ansatz zur Idee der Veranstaltung: Entscheidend sind Herkunft, Handwerk und ein bewusster Umgang mit den Produkten.
Damit wird Regionalität nicht zu einem starren geografischen Konzept. Vielmehr geht es um bewusste Auswahl, Qualität und nachvollziehbare Herstellung.
Eine süße Spezialität über offenem Feuer
Den Abschluss eines solchen Genussabends kann eine Spezialität übernehmen, die ebenso traditionell wie spektakulär ist: die Tiroler Prügeltorte.
Dabei wird ein flüssiger Teig Schicht für Schicht auf einen drehenden Spieß aufgetragen und über offenem Feuer gebacken. So entsteht nach und nach die charakteristische Struktur des Gebäcks.
Gerade beim Schaubacken wird deutlich, dass regionale Spezialitäten häufig mehr sind als Rezepte. Sie sind Handwerk, Wissen und Inszenierung zugleich. Die Herstellung selbst wird zum Erlebnis.
Genuss und Natur gehören zusammen
Das Alpbachtal beschränkt sich allerdings nicht auf kulinarische Erlebnisse. Die Region bleibt eine klassische alpine Urlaubsdestination mit zahlreichen Wanderwegen, Bergbahnen und Ausflugszielen. Eine Genussreise lässt sich deshalb gut mit Aktivitäten in der Natur verbinden. Wanderungen führen durch die Berglandschaft, während beispielsweise die Tiefenbachklamm mit Wasser, Felsen und schmalen Wegen einen ganz anderen Eindruck der Region vermittelt. Auch das Museum Tiroler Bauernhöfe bietet Einblicke in die Geschichte des bäuerlichen Lebens.
Gerade diese Kombination macht den Reiz des Alpbachtals aus: Morgens geht es vielleicht auf den Berg, am Nachmittag zu einem Bauernhof und am Abend an eine lange Tafel mit regionalen Spezialitäten.
Mehr als ein Mitbringsel
Wer nach einer Reise durch das Alpbachtal Käse, Speck oder einen Edelbrand mit nach Hause nimmt, nimmt damit im besten Fall nicht einfach ein Souvenir mit.
Hinter diesen Produkten stehen konkrete Menschen, Höfe und Geschichten. Die Milch kommt von kleinen bäuerlichen Betrieben. Der Speck entsteht auf einem Familienhof. Der Edelbrand basiert auf regionalen Rohstoffen und handwerklichem Können. Und in der Küche werden diese Produkte schließlich zu Gerichten, die zeigen, wie modern regionale Küche sein kann.
Genau darin liegt die besondere Stärke des Alpbachtals: Die Region macht Herkunft erlebbar.
Das Konzept der „Alpbachtal Qriginals“ verbindet Landwirtschaft, Tourismus und Gastronomie nicht nur auf dem Papier. Es bringt Produzenten und Gäste tatsächlich zusammen. Wer wissen möchte, wie ein Stück Käse schmeckt, kann erfahren, woher die Milch stammt. Wer Speck probiert, kann den Hof kennenlernen. Und wer ein Gourmetmenü genießt, bekommt gleichzeitig eine Geschichte über die Landschaft serviert.
So wird aus regionalem Essen ein Reiseerlebnis . . .



PS.: Als ich am Abreisetag im Hotel Alpbacherhof auf der wunderbaren Terrasse mein Frühstück genoß, setzte sich ein deutsches Urlauberpaar an den Nebentisch. Auch sie frühstückten mit Vergnügen, wollten aber nach den ersten Bissen Wurst sofort vom aufmerksamen Kellner wissen woher diese köstliche Wurst kommt und wo man sie kaufen kann.
Ein untrügliches Zeichen, dass die Initiative "Alpbachtal Qriginals" auf dem richtigen Weg ist!